Karneval, Trotz und Toleranz

Die Karnevalshasser sind ja eine sehr empfindliche Spezies. Sie klagen nicht nur da ihr Leid, wo es wirklich nennenswerte Feierlichkeiten gibt, sondern auch an Orten wie hier, wo außer einem anderthalbstündigen Umzug am Faschingsdienstag, Verkleiden im Kindergarten und ein paar Luftschlangen in Bäckereien nun wirklich nichts stattfindet. Sie finden es furchtbar, dass im Fernsehen (das sie eigentlich sowieso ablehnen) Karnevalssendungen ausgestrahlt werden und dass erwachsene Menschen Spaß am Verkleiden und Feiern haben und müssen überhaupt sehr leiden, weil sie ja so eine kleine, schrecklich benachteiligte Minderheit sind, die sich gegen das höllische Treiben überhaupt nicht wehren kann.

Nun ist es keineswegs so, dass ich mich begeistert in den Straßenkarneval stürzen würde. Ich habe mich seit Jahrzehnten nicht mehr verkleidet und vermisse das auch nicht. Trotzdem finde ich die Karnevalshasser doof und ärgerlich.

Ich bin in einer Kleinstadt im Oberbergischen aufgewachsen. Köln war nur 50 km weit weg, aber es gab in der Gegend sehr viele evangelische Sekten und auch die Landeskirche verbreitete nicht eben fröhliche Toleranz. Deshalb fand in unserem Städtchen der Karneval, wenn überhaupt, hinter fest verschlossenen Türen statt. Nicht einmal das Verkleiden im Kindergarten oder in der Grundschule war ganz unproblematisch, es gab in jeder Gruppe Kinder, deren Eltern das nicht erlaubten. (So wie die Zeugen Jehovas Weihnachtslieder noch nicht einmal auf der Blockflöte mitspielen durften).

Meine Mutter veranstaltete deshalb tapfer ein paar Verkleidefeste für mich, die extra anders genannt wurden („Märchenfest“, „Hotel international“), damit auch alle gewünschten Kinder kommen durften.

Aber nicht nur aus religiöser Bigotterie wurde der Karneval abgelehnt, bei vielen war auch noch etwas anderes im Spiel: Dünkel. Man wollte sich doch nicht mit dem niederen Volk und seinen primitiven Vergnügungen gemein machen.

Das ist ja schon fast wieder verständlich, schließlich geht es beim traditionellen Karneval ja darum, für ein paar Tage alle Hierarchien außer Kraft zu setzen, alles auf den Kopf zu stellen – zweifelhafte Prinzen, pseudomilitärische Aufmärsche, mit denen man sich ursprünglich über das französische Militär lustig machte, heidnische Bräuche, von der Kirche (zumindest der katholischen) nolens volens geduldet, grenzenlose kindliche Albernheit (so sehe ich diese ganzen Sitzungen), eigentlich kein Wunder, dass das denen nicht behagt, die sich für die  „bessere Gesellschaft“ halten.

Auf Bigotterie und Dünkel habe ich schon immer mit Zorn und Trotz reagiert. Und deshalb verteidige ich Karneval/Fasching/Fastnacht heftig. Und wünsche mir, dass alle, die das nicht so mögen, es eben freundlich ignorieren oder ihre Feierlichkeiten auf den Genuss der saisonalen Backwaren beschränken. An einigen wenigen Orten in Deutschland muss man dazu vielleicht verreisen. Aber so ein paar Tage in der Eifel oder in Holland sind doch auch ganz nett.

Dieses Jahr verreise ich auch, aber das ist eher Zufall. Aber nächstes Jahr werde ich wieder, wenn es nach dem Umzug am Faschingsdienstag so besonders still in der Stadt ist, etwas wehmütig an meinem Schreibtisch sitzen und denken, wie schön es wäre, wenn vor meinem Fenster auf der Straße getanzt würde.

PS: Alaaf! Und bei Percanta gibt es das weltschönste Kinderkostüm zu bewundern. Und bei Anne Schuessler eine schöne Beschreibung der Kölner Bräuche.

About these ads

Über extramittel

ist @extramittel auf Twitter
Dieser Beitrag wurde unter Leben abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Karneval, Trotz und Toleranz

  1. Pingback: Exotische Bräuche im Rheinland: Karneval | Ach komm, geh wech!

  2. War mal als alter Fischkopp von WHV aus weit,sehr weit nach Süden gereist – nach Münster! (Ein Freund studierte dort). Es war Karneval und wir Buten-Ostfriesen kamen uns vor wie auf einem anderen Stern. Abgesehen von den Kinderkostümfesten in der Schule und privat war das meiner erste Erfahrung mit “echtem” Karneval. Und es blieb bei der einen.
    Hier in H gab es heute wohl auch so eine Art Umzug, und der in BS und OS soll für norddeutsche Verhältnisse groß und übermütig sein. Ist aber nicht mein Ding.
    Aber jeder halt nach seiner Facon. (hier bitte ein c mit Schwänzchen hinzdenekn – habe keinen Bock den ASCII-Code zu durchwühlen!)
    Alaaf.

  3. Pingback: Woanders – diesmal mit Ballast, einer Favela, Studenten in München und anderem | Herzdamengeschichten

  4. Pingback: Wochenlinks, 5.10.2013 | extramittel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s