Vor sehr (sehr sehr) vielen Jahren habe ich mal den Ausdruck „bis zur Vergasung“ benutzt, der damals auch noch sehr gängig war. Natürlich war mir in dem Moment gar nicht bewusst, was dahinter steht, ich meinte einfach „immer und immer wieder“. In diesem Gespräch haben auch noch andere den Ausdruck – ebenso harmlos gemeint – aufgenommen, dann hat uns H., die wir alle etwas „überengangiert“ fanden, darauf aufmerksam gemacht. Bei der Erinnerung winde ich mich immer noch. Es war mir fürchterlich unangenehm und ich habe den Ausdruck nie mehr verwendet – aber ich habe es H. insgeheim auch übel genommen, dass sie mich damit konfrontiert hat, obwohl das nicht in aggressiver Form geschah. Ich war beleidigt. Ich wäre froh gewesen, wenn sie auch etwas unpassendes gesagt hätte, auf das ich sie hätte hinweisen können.

Dieses Beleidigtsein meine ich immer dann zu spüren, wenn gegen „politisch korrekte Sprache“ gewettert wird. Mit großer Häme werden  gern Beispiele angeführt, die tatsächlich über das Ziel hinausschießen („anders befähigt“), vernünftige und einleuchtende lässt man einfach unter den Tisch fallen. Oder findet jemand ernsthaft, dass „Menschen mit Behinderungen“ nicht respektvoller ist als „Behinderte“, weil damit Personen nicht nur anhand einer Eigenschaft definiert werden? Dass sich von dem Begriff „Neger“ niemand verletzt fühlt? Dass das generische Maskulinum wirklich als neutrale Form funktioniert, die Männer und Frauen gleichermaßen einschließt?

Für die eigene Ausdrucksweise kritisiert zu werden, fühlt sich nicht gut an. Je nach Temperament und Selbstbewusstsein gehen verschiedene Menschen unterschiedlich damit um. Aber ich bin überzeugt, dass sowohl bei der aktuellen Diskussion um Kinderbücher als auch bei der gängigen Verhöhnung „politisch korrekter“ Sprache dieses Gefühl eine sehr große Rolle spielt.  Das ist ja auch verständlich, schließlich wird einem (gefühlt) eine Haltung unterstellt, die man gar nicht einnimmt. Auch die Verunsicherung (Was darf man denn überhaupt noch sagen?) ist nicht angenehm, sie kann sprachlos machen, wie es Anne Schüssler beschreibt. Begriffe verändern sich, man kann sich leicht mal vergreifen. Und muss man jetzt wirklich Texte, die in einer Zeit geschrieben wurden, in der es dieses Bewusstsein noch nicht gab, umschreiben? Oder darf man sie nicht mehr mögen? Muss man vor lauter Vorsicht auf eine prägnante und pointierte Sprache verzichten? Klar ist nur eins: es ist kompliziert.

Bei den Kinderbüchern finde ich es nicht so schlimm, einige wenige Wörter auszutauschen, vor allem, wenn der Autor einverstanden ist. Allerdings lässt sich auch anders vermitteln, dass diese Begriffe heute verletztend sind („Neger“, „Zigeuner“) oder einen Bedeutungswandel durchgemacht haben („wichsen“). Frau Meike hat dazu unter dem wunderbaren Titel „Wichsen in der Südsee“ richtige Sachen geschrieben.

Beim Selberschreiben: Gehirn und Sensibilität einschalten, beim Kritisieren unglücklicher Formulierungen  anderer auch. Wer was zu sagen hat und gut schreiben kann, kriegt das trotzdem hin. Bisschen Nachdenken hilft meistens*. (Siehe hierzu auch „Politische Korrektheit vs. Trottelsprache“ von Mario Nowak). Allzu strenge Regeln schaden nur (auch wenn es richtig ist, dass z.B. Behörden sich welche setzen). Nicht kleinlich kritisieren, auch eigene Fehler nicht. Vermeiden, andere in die Schmollecke zu treiben, wo sie dann wild um sich schlagen.

*Es gibt übrigens durchaus verschiedne Möglichkeiten, das generische Maskulinum „auszuhebeln“, auch wenn man nicht _innen oder Innen schreiben oder immer beide Formen nennen möchte. Echt.