In Klagenfurt wird gerade der Bachmannpreis vergeben, und unter #tddl sind auf Twitter allerhand Kommentare zu Texten, Jury und Begleitprogramm zu lesen. Ich bin immer etwas neidisch und nehme mir vor, auch mal hinzufahren. Aber hey, zuhause lesen wir schließlich auch Bücher und sprechen darüber. Ich lese seit kurzem auf einem Ebook-Reader, was unter anderem den Vorteil hat, dass ich sehr bequem alle möglichen Bücher in der Stadtbücherei ausleihen kann, ohne hinzugehen und an die Rückgabe denken zu müssen (dazu bei Gelegenheit mehr, wenn es jemanden interessiert).

Der Mann hat auch einen Ebook-Reader, ist aber nicht so technikaffin, so dass er manchmal beim Bücherausleihen ein bisschen Hilfe braucht. Neulich suchte er einen bestimmten Krimi von Jo Nesbø. Als einzigen Titel dieses Autors hatte die Bücherei aber nur „Doktor Proktors Pupspulver“ im Angebot.

Proktor

Es handelt sich zwar um ein geringfügig anderes Genre, aber Offenheit erweitert den Horizont, der bei der Hitze ja leicht mal etwas kneift. Also habe ich das Werk ausgeliehen, das (in der angemessen sprachspielerischen, sehr angenehm zu lesenden Übersetzung aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel) mit einer Länge von 116 Seiten (in der Ebook-Ausgabe, inklusive Illustrationen von Per Dybvig)  ohne übermäßige Längen auskommt, ohne auf Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt der Hauptpersonen zu verzichten.

Das sind vor allem Lise, die Kummer hat, weil ihre beste Freundin weggezogen ist, und Bulle, der winzig klein und neu zugezogen ist. Die Solidarisierung der beiden gegen mobbende Mit-Grundschüler und der etwas seltsame Professor im Nachbarhaus sind relativ konventionelle Erzählelemente, die aber nicht ungebrochen kolportiert werden, sondern in ein Gesamtbild mit animistischen (die Würgeschlange Anna Konda in der Kanalisation mit Kindheitstrauma) und gesellschaftskritischen Zügen eingebettet sind.

Die Handlung, die sich zum Ende hin geradezu explosiv entwickelt, lässt an gute Pixar-Filme denken, ohne auf ganze Sätze zu verzichten. Sie braucht keinen platten Realismus, um am Ende ehrliche menschliche Wärme überzeugend zu vermitteln, nachdem sie in einem satirisch-militärkritischen Kracher ihren Kulminationspunkt gefunden hat.

(Sehr lustig und geeignet für Kinder ab dem frühen Lesealter. Man sollte viel öfter Kinderbücher lesen. Von dem Trailer des gleichnamigen Films war ich eher entsetzt – zu knallig und ganz falsch.)

Jo Nesbø: Doktor Proktors Pupspulver
Arena Verlag.